Fabian Hambüchen: „Vom Kopf her ein richtiges Biest“

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Der ehemalige deutsche Kunstturner, Olympiasieger und Weltmeister Fabian Hambüchen blickt im Rahmen des SPORTRADIO DEUTSCHLAND Adventskalenders zurück auf seine Sportlerkarriere und spricht über den Übergang in ein Leben nach dem Sport, den fehlenden Tagesrhythmus, seine zukünftige Rolle in der Gesellschaft und über ein wenig mehr Demokratie bei Sportlerwahlen. 

Auf die Frage nach seinem aktuellen Alltag: 

„Also ich vermisse diesen Rhythmus, dass du einfach immer auch weißt, was zu tun ist, deinen Alltag, deinen Rhythmus hast, mit den zwei Trainingseinheiten und so weiter und so fort. Diese zeitliche Abfolge dieser Tage – ja, das fehlt halt komplett.“

„Das ist so das Einzige, was ich wirklich an der Leistungssportlerzeit vermisse: Diesen Rhythmus. Rhythmus und Alltag. Je nachdem wohin es einen beruflichen treibt, wird das ja wieder kommen – das ist ja keine Frage. Aber zurzeit gibt es da wirklich keinen Rhythmus und keinen Alltag und das ist manchmal schon ein bisschen komisch.“

Auf die Frage nach seiner aktuellen Rolle und dem Blick auf sich selbst nach dem Ende seiner Sportlerlaufbahn:

„Das ist natürlich eine Frage, die man sich am Ende der Karriere erstmal so stellt. Aber Gott sei Dank habe ich durch ein gutes Management, was ich schon seit 2004 an meiner Seite habe, die perfekte Unterstützung gehabt. Die haben mich einfach super aufgestellt, gerade auch was die Sponsoren angeht. Und was die verschiedenen Fernsehformate und Fernsehshows angeht, da hatte ich ja jetzt auch einiges zu tun.“ 

„Ich habe die Antwort insoweit gefunden, dass ich sage, ich muss diese Frage gar nicht beantworten – weil ich jetzt erst einmal gar keinen Zeitdruck habe, irgendetwas Festes, ein festes Arbeitsverhältnis einzugehen. Ich meine, ganz klar ist: als Turner hast du nicht ausgesorgt fürs restliche Leben. Aber wie schon gesagt, aufgrund des guten Managements bin ich so gut aufgestellt, hab so viel zu tun und kann es eigentlich einfach mal total genießen, in so verschiedene Bereiche einzutauchen, neue Sachen kennenzulernen und zu schauen und zu fühlen, ob das vielleicht etwas ist, was ich in der Zukunft machen möchte.“

„Ich habe tausende Optionen und auch viele Ideen, aber ich muss es jetzt noch nicht entscheiden. Ich kann es einfach genießen, einfach mal überall reinschnuppern. Und das ist wie gesagt ein sehr, sehr beruhigendes Gefühl.“

Auf die Frage nach dem Verlauf seiner Karriere:

„Wenn man das mal so Jahr für Jahr durchgeht – das lief nie einfach nur gerade nach oben, sondern es war mit vielen Ecken und Kanten verbunden. Aber da gibt es schon einige Highlights oder einige Knotenpunkte, die immer mal wieder gerade vom Kopf her entscheidend waren, zu sagen: ‚Ich zieh weiter durch, ich halte durch, egal was kommt‘ oder ‚Hey, vielleicht war’s das jetzt schon. Und ich muss die Sportlerkarriere beenden.‘

Auf die Frage, was das Wichtigste war für seinen Erfolg: 

„Neben Talent, neben Begabung, neben mentaler Stärke ist es einfach das Durchhaltevermögen. Ich glaube, das ist so mit das Entscheidende, dass du einfach vom Kopf her ein richtiges Biest bist, dass du halt einfach durchhältst, egal was kommt. Dass du dich halt auch mal quälen kannst.“

„Und wie gesagt, von außen betrachtet sieht die Karriere nach einem Märchen aus. Aber wenn man es von innen betrachtet, dann gab es da ganz viele Momente, wo ich wirklich richtig kämpfen musste, richtig durchhalten musste. Und ja, ich glaube, das ist einer der wichtigsten Faktoren für den Erfolg.“

Auf die Frage nach der Bedeutung seines Titels als Sportler des Jahres:

„Ja, das ist schon etwas Besonderes, auf jeden Fall. Vor allem heutzutage reicht es halt nicht mehr, nur eine Goldmedaille zu holen. Da muss halt immer eine Geschichte dahinter sein. Das muss schon was Besonderes sein.“ 

„Es gibt halt auch Olympiasieger, die haben halt einmal Gold geholt bei Olympia, was ja Wahnsinn ist, aber weder davor noch danach kamen irgendwelche anderen Titel dazu. Und dann steht einfach nur dieser eine Erfolg und das war’s. Das reicht oft nicht bei der Sportlerwahl, weil die Sportjournalisten wählen dort. Da muss schon mehr dahinterstecken und deswegen hat es schon eine Riesenbedeutung. Ich meine, du wirst als der eine Sportler in dem Jahr gewählt in Deutschland. Und wir haben ja echt viele Sportler und viele tolle Sportler aus den verschiedensten Sportarten.“

Auf die Frage nach der Beteiligung von Sportlern an den Wahlen zum:r Sportler:in des Jahres:

„Das ist schon eine berechtigte Frage und berechtigte Idee. Journalisten sind ja auch nicht ganz neutral – der eine ist dir besser, der andere schlechter gesonnen. Es ist schwer, das Ganze objektiv hinzukriegen. Bei den Wahlen spielen halt auch einfach viele Emotionen mit eine Rolle. Aber ja, man könnte das grundsätzlich so machen, dass man die Sportler da auch mitwählen lässt.“ 

„Jeder Sportler kann sich noch besser in einen hineinversetzen. Der weiß wirklich, was jemand durchgemacht hat und was auch jemand einfach daran verdient hat. Und in dem Moment, da muss es noch nicht mal eine Goldmedaille oder soetwas gewesen sein oder irgendwo ein großer Sieg.“

„Was es wirklich zu 100 Prozent bedeutet, so ein Leistungssportler zu sein und auch verschiedene Phasen zu durchleben – das können, glaube ich, Journalisten nicht nachvollziehen – außer sie waren selbst Profisportler.“

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