Fußball-Nationaltorhüterin Almut Schult: „Für 18 Spielerinnen eine Toilette – aber nur mit Pissoirs?“

Ex-DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger hat gefordert, die Frauen-Bundesliga auszugliedern. Eine der prominentesten deutschen Fußballerinnen ist Almut Schult. Die Torhüterin des VfL Wolfsburg war zuletzt ARD-Expertin bei der Männer-EM 2021. Am Mittwoch sagte sie im SPORTRADIO DEUTSCHLAND zu Zwanzigers Vorschlag:

„Ja, wir sind in der Bundesliga noch nicht so weit, dass jeder Verein wirklich professionell sich nennen kann. Sagen wir mal, es geht wirklich um infrastrukturelle Sachen, es geht um Betreuerteam, was um die Spieler und drumherum ist. Das heißt, dass jeder Verein und jede Spielerin auch genug betreut wird von Ärzten, von Physiotherapeuten, von Management, von Medien, Kommunikationsabteilung, genauso bei infrastrukturell von Möglichkeiten zum Krafttraining, von einem guten Trainingsplatz, von der Kabine, die man auch Kabine nennen kann, wo ja genug sanitäre Einrichtungen sind. All diese Dinge, weil es nicht überall gegeben ist.“

„Es ist auf jeden Fall so, dass die Spanier und die Engländer jetzt Statuten erlassen haben, dass es professionell sein soll. In England gibt es aber auch die Regularien, dass jede Spielerin von dem Einkommen als Fußballspieler leben können muss, also dass sie es professionell macht und dass sie auch gar nicht nebenher arbeiten darf. Und auch wenn in den USA es von der Struktur her was anderes ist. Wir haben Topklubs in Deutschland, wie zum Beispiel den VfL Wolfsburg, bei dem ich spiele, wie den FC Bayern München, wo die Gegebenheiten da sind, um zu sagen: Wir sind professionelle Fußballer. Aber es ist nicht überall so. Und das ist schon ein Problem in Deutschland, weil der Frauenfußball nicht ganz so anerkannt und respektiert ist wie vielleicht in anderen Ländern. Man merkt jetzt auch, dass England wieder ein Beispiel ist: Die Frauen spielen in den großen Stadien, weil die Klubs sagen: Wir wollen unseren Fans trotz allem, auch wenn die Männer nicht spielen, die Frauen anbieten als Unterstützung für unseren Verein, wenn sie Fans des Vereins sind, dass sie dort hingehen können. Und das ist in Deutschland noch lange nicht der Fall.“

„Auf unseren Vorstoß gab es gar nicht so eine direkte Reaktion, dass uns jemand vom DFB angeschrieben hat und sagte: Wir finden das Papier entweder gut oder schlecht. So war es leider nicht. Wir hatten dann Kontakt mit dem DFB, der sich mit uns auch gerne austauschen wollte. Da haben wir dann die ja die Gegebenheit der Meinungsverschiedenheit mit Dr. Rainer Koch dazwischen und das war nie ganz ausgeräumt. Und da uns als Gesprächspartner niemand anderes angeboten wurde, haben wir gesagt, dass wir gerne mit jemandem anderen sprechen möchten und nicht mit ihm, weil diese Sache nicht geklärt ist. Und daraufhin ist dann kein Gespräch mehr großartig zustande gekommen.“

„Eine Reaktion vom Deutschen Fußball-Bund erwarte ich eigentlich nicht mehr, weil der Deutsche Fußball-Bund sich vorbereitet auf den DFB Bundestag, der im März nächsten Jahres stattfinden soll. Und dort bin ich auf die Ergebnisse gespannt, weil das richtungsweisend sein wird, ob entweder der Fußballverband sich neu aufstellen möchte oder es eher so weitergeht wie bisher.“

„Wenn man unsere Gesellschaft anguckt, durften wir Frauen vor hundert Jahren auch noch nicht viel alleine. Wir waren da noch angewiesen auf unseren Ehemann oder auf unseren Vater. Das heißt, wir haben schon viel erreicht, aber das heißt nicht, dass wir uns damit zufrieden geben sollten. Und ich möchte immer gerne ein bisschen mehr Empathie haben von. Manchmal auf der männlichen Seite, wenn sie überlegen würden, wie es ist, wenn jeder ihnen sagt: Deine Sportart ist wie Pferderennen mit Eseln. Oder Mädchen-Fußball wird als Schimpfwort benutzt und man ist selber ein Mädchen. Bundesliga ist kein Mädchen-Sport.“

„Es gibt Dinge, die einfach abprallen. Die Frauen können einfach kein Fußball spielen. Ihr solltet lieber euch um die Kinder und um den Haushalt kümmern, als solchen Sport auszuüben. Das ist Männersache. Das trifft mich alles gar nicht so schlimm. Wirklich tief getroffen hat mich eine Geschichte von einem bekannten Elternteil. Die erzählt haben, dass die Tochter Fußball spielt. Und die hat dann in der Jungenmannschaft mitgespielt und hat ein Tor geschossen und dann kam tatsächlich ein Gegenspieler zu ihr an und hat gesagt: Toll, du hast jetzt unseren Torwart entehrt, weil du ein Tor geschossen hast als Mädchen. Das fand ich grausam. Und ich hoffe nicht, dass es mir widerfährt, dass meine Tochter oder auch mein Sohn mir solche Geschichten erzählen, weil Kinder immer noch frei sein sollten in ihrem Sport. Sie sollten ja diese Geschlechtergerechtigkeit erfahren. Sie sollten offen sein für alles auf der Welt und das war schon hart.“

„Das Thema Schwangerschaft hatte ich nicht richtig auf dem Schirm. Das hat man ja auch an der Reaktion der FIFPro gesehen, der internationalen Spielergewerkschaft. Die hat im letzten Jahr das Thema verabschiedet bekommen: dass ein internationaler Mutterschutz gilt, das war vorher nie in den Statuten drin. Dass man auch als schwangere Spieler weiter bezahlt wird. Wenn eine Spielerin schwanger wird in einem Team, dann darf sie auch außerhalb der eigentlichen Transferperiode ersetzt werden.“

„Solche Neuerungen, da sie jetzt erst auf der Agenda stehen, zeigen: Vorher hat nie jemand drüber nachgedacht, weil es immer nur darum geht: Ja, die Regeln funktionieren ja im Männerfußball, da müssen sie ja im Frauenfußball auch funktionieren. Das ist genauso ein Thema wie mit der Trainingssteuerung, mit der Periodisierung. Niemand überlegt sich, was die Wissenschaft vom Männerfußball eigentlich bezogen auf einen Trainingsplan im Frauenfußball macht, weil die Frauen ein komplett anderes Hormonsystem haben. Müssten sie anders trainieren, müsste vielleicht auch der Spielplan anders gestaltet sein? Wie ist das? Müsste vielleicht auch der Kader größer, kleiner oder was auch immer sein? Das sind erst Erkenntnisse, an denen wir jetzt dran sind. Und da hat der Fußball an sich sehr viel versäumt, sondern es ging immer nur davon aus, das haben wir in den letzten 30 Jahren bei den Jungs so gemacht, dann müssen wir es bei den Mädchen auch machen. Das würde schon passen.“

„Natürlich geht es auch ums Geld, aber zum anderen geht es eher um die Infrastruktur. Jeder Club, Bundesligist oder Zweitligist, hat die infrastrukturelle Möglichkeit, den Frauen eine Kabine und einen vernünftigen Trainingsplatz zur Verfügung zu stellen. Genauso einfach Klamotten. Ich kann mich selber daran erinnern, dass ich in der zweiten Liga mit meinen eigenen Sachen trainiert habe. Da habe ich nichts vom Verein großartig geschenkt bekommen. Vielleicht zum Abschlusstraining. Und dass man irgendwo ja selbst zu Auswärtsfahrt sein eigenes Essen mitbringen muss. Oder in der Kabine: für 18 Spielerinnen nur eine Toilette. Aber mit Pissoirs? Da sind selbst die Infrastrukturen nur für Jungs geschaffen. Aber wenn Frauen in dem Stadion spielen, ist es schon ziemlich blöde. Da muss ein Umdenken stattfinden und das Geld ist eine andere Sache. Natürlich würden sich würde sich die Breite, aber genauso auch die Spitze der Leistung im weiblichen Bereich verbessern. Wenn mehr Spielerinnen sich auf den Fußball konzentrieren können, dadurch mehr Trainingseinheiten absolvieren können, vielleicht sogar auch professionelle Trainer und Trainerinnen haben.“

„In meiner Idealvorstellung ist es so, dass jede Spielerin Frauen-Bundesliga professionell spielen und auch das auch von den Bedingungen her behaupten kann. Dadurch erreichen wir eine deutlichere Dichte an Leistungen, auch in der Nationalmannschaft. Und damit die Vermarktung auch so weit ist, dass wir einen schönen Zuschauerschnitt, sagen wir mal von 4000 Zuschauern pro Spiel in der Liga haben und auch die Spiele in einer vernünftigen Qualität übertragen werden. Das wäre schön. Aber wer weiß, wohin es geht.“

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