Zur Zukunft des deutschen Sports: „Wir haben ein Umsetzungsproblem“

Dirk Schimmelpfennig ist Vorstand Leistungssport des DOSB und damit kraft Amtes mit der Weiterentwicklung des Leistungs- und Spitzensports in Deutschland betraut. Im SPORTRADIO DEUTSCHLAND sagte er am Freitag:

„Wir haben die Situation, dass wir im deutschen Sport eine Abwärtsbewegung seit 30 Jahren haben. Wir haben Konzepte erarbeitet, die uns helfen sollen, einen Turnaround hinzubekommen. Wir haben in unserem Sport ein Umsetzungsproblem. Wenn wir unsere Überlegungen konsequent und miteinander umsetzen, ist das der Weg, den wir gehen müssen, um die Leistungsfähigkeit zu steigern. Wer glaubt, es sei einzig und allein mit der Umsetzung der neuen Potenzialorientierten Förderung getan, der irrt. Es bedarf einer stärkeren Konzentration auf die Inhalte.“

„Seit 1992 in Barcelona haben wir eine Abwärtsbewegung, die wir in Tokio und London etwas stoppen konnten. Tokio mit 37 Medaillen ist eine Fortsetzung des Abwärtstrends. Man muss unterscheiden zwischen Winter- und Sommerspielen. Der Abwärtstrend bezieht sich auf den Sommersport.“

„Wir haben in unserer Gesellschaft die Problematik, dass die Grundvoraussetzung von Kindern immer schlechter sind. Es bedarf sehr konzentrierter Aktionen, um Kinder zu Sport und in Bewegung zu bringen. Wir müssen den Sport insgesamt in unserer Gesellschaft voranbringen, ihn in Kindergärten und Schulen stärker in die Programme aufnehmen. Um dann die Grundlage für eine systematische Talentsichtung zu haben. Wir müssen größer denken.“

„Es muss erst einmal ein Angebot geben, dass ich Sport treiben und mich bewegen kann. Dann muss das Talent systematisch in einer Talentsichtung gefunden und in eine bestehende Struktur überführt werden. Insbesondere an den Standorten, an denen wir leistungsfähige Vereine und Stützpunkte haben, ist die Talentsichtung wesentlich, weil wir dort vorhandene Strukturen haben.“

„Bundesweit ist das schon so, dass in Einzelfällen Trainer in Schulen gehen. Aber es gibt Schulen, in denen eine Talentsichtung nicht ermöglicht wird – durch die Schulleitung oder das Kultusministerium. Deshalb ist es ein politischer Ansatz, das flächendeckend möglich zu machen.“

„Es gibt ein Projekt der Deutschen Sportjugend mit der Bundesregierung namens „Move – Kinder in Bewegung“. Man muss erst einmal die Idee und die Umsetzung des Sports konstruieren und kann dann erst die Politik ansprechen.“

„Das Potenzialanalyse-System ist eine gute Bereicherung des bisherigen Systems. Bei der Leistungssportkonferenz hat sich gezeigt, dass sich das Analysesystem weiterentwickeln muss, um die Spezifik der verschiedenen Sportarten besser zu treffen, abzubilden und zu bewerten. Meiner Einschätzung nach haben wir uns zu stark auf das Element der Spitzensportförderung konzentriert und sind in Schieflage geraten. Der Leistungssport ist mit seinen Themen auf der Strecke geblieben; auch auf sie muss man sich konzentrieren, wenn man eine Leistungsentwicklung bei unseren Athleten erzielen will.“

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